top of page
  • AutorenbildThomas Laggner

Der voll entwickelte Mensch

Die Personzentrierte (auch: Klientenzentrierte) Psychotherapie ist die bekannteste und weltweit verbreitetste Form der Humanistischen Psychotherapie. Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie so nah wie möglich an der Erfahrung von Klient(en) und Therapeut(en) und an der unmittelbar aktuellen Beziehung zwischen Therapeut(en) und Klient(en) orientiert ist. Damit stellt sie die Praxis eines Menschenbildes dar, das den Menschen als Person versteht (s. den Abschnitt zum Menschenbild). Er wird ohne Vorbedingungen ernst genommen, so wie er gerade ist. Das schließt ein, wie er durch Erfahrung in Beziehungen geworden ist und wie er sich in die Zukunft weiter entwickeln kann. Dem Klienten wird die Fähigkeit zugetraut, bei entsprechender Begleitung aus eigener Kraft sein Leben zu meistern und mit seinen Problemen zurechtzukommen. Damit ist eine grundlegende Abkehr von einem Verständnis des Therapeuten als eines Experten für die Probleme des Klienten verbunden; er versteht sich vielmehr als ein sich mit dem Klienten entwickelnder Partner in einem Prozess der Begegnung von Person zu Person. Charakteristisch ist auch, dass personzentrierte Theorie und Sprache weitgehend erfahrungsnah sind und eine Bereitschaft zu Forschung und beständiger Revision von Theorie und Praxis besteht. Der Personzentrierte Ansatz, über die Psychotherapie hinaus eine Lebens– und Arbeitsweise in vielen zwischenmenschlichen Gebieten, liegt damit vielen zeitgeistigen Forderungen quer — in der Psychotherapie etwa jener nach der Effektivität therapeutischen Handelns, die ausschließlich in Kategorien denkt, wie man möglichst rasch, billig und schmerzlos ‘Probleme wegmachen’ kann.

schmid_in_sluneckosonneck
.pdf
PDF herunterladen • 194KB

 

Der Therapeut legt das Augenmerk auf die Welt des Klienten, so wie sie diesem erscheint und von ihm erlebt, verstanden und bewertet wird (experientieller und phänomenologischer Ansatz) und folgt ihm in dieser Welt, wohin immer sich der Klient bewegt.


 

Er ist für den Klienten stets als lebendige Person und nicht nur in seiner Funktion als Therapeut erreichbar. Entscheidend für die Entwicklung beider Personen in der Therapie ist die möglichst bewertungs– und interpretationsfreie Aufmerksamkeit auf das unmittelbar gegenwärtige Erleben durch Klient wie Therapeut in der Beziehung (Präsenz). Dafür sind die Einstellung und die Haltungen des Therapeuten, wie sie Rogers, der Begründer des Ansatzes, beschrieben hat (Authentizität, bedingungsfreie Wertschätzung, Empathie), ausschlaggebend und nicht vom Therapeuten angewandte Methoden oder Techniken. Damit ist eine radikale Abkehr von expertenorientierten Ansätzen verbunden und eine zunehmende Entwicklung im Verlauf der Therapie hin zu Wechselseitigkeit und Dialog.


PERSONZENTRIERTE PSYCHOTHERAPIE:

DAS WESENTLICHE UND UNTERSCHEIDENDE

  • Dazu gehört zum einen ein prinzipielles Vertrauen in die menschliche Natur und ihre Entwicklungsmöglichkeiten: Grundlegend ist die Annahme einer das konstruktive Potential des Menschen aktualisierenden Tendenz als Motivationskraft. Dies resultiert konkret in einem Vertrauen in die Fähigkeiten des Klienten zu Selbstbestimmung.

  • Dazu gehört zum anderen, dass als das entscheidend Förderliche für Entwicklung in der Therapie die Beziehung zwischen Therapeut(en) und Klient(en) angesehen wird. Die Beziehung wird vonseiten des Therapeuten als personale Begegnung verstanden, in der sich der Therapeut als Person mit der Wirklichkeit des Klienten als Person konfrontiert.

  • Die grundlegenden therapeutischen Prinzipien treffen auf alle Personen zu, unabhängig von verschiedenen Kategorien, wie beispielsweise sogenannte Neurotiker, Borderline–Persönlichkeiten, Psychotiker oder Normale.

  • Es bedarf einer eigenen Erkenntnistheorie, die an der Erfahrung (phänomenologisch), an der Vielfalt von Verständnis– (konstruktivistisch) und Zugangsmöglichkeiten (pluralistisch) und an einer ganzheitlichen Anthropologie (personal), somit an der Kommunikation (dialogisch und empathisch–verstehensorientiert) ansetzt.

  • Die konkrete Gestaltung der therapeutischen Beziehung (Setting) richtet sich nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Klienten und nach den Möglichkeiten des Therapeuten. Die therapeutische Arbeit kann Möglichkeiten des Klienten und nach den Möglichkeiten des Therapeuten. Die therapeutische Arbeit kann auf verschiedene Weise, etwa verbal, körpersprachlich oder mithilfe kreativer Ausdrucksmöglichkeiten, geschehen.

  • Persönlichkeitsentwicklung in der Psychotherapie wie im sonstigen Leben zeigt sich in einer zunehmenden Fähigkeit, voll und ganz im Augenblick zu leben und Phänomene wie Veränderungen mehr und mehr unverfälscht wahrzunehmen. Mit ihr gehen zunehmende Selbstbestimmung und Selbstverantwortung sowie authentische Beziehungsgestaltung einher. (Personzentrierte Persönlichkeitstheoriebildung ist eher an Prozessen interessiert als an Strukturen.)

Personzentriert zu arbeiten, beruht auf der Überzeugung, dass eine dem Menschen angemessene wissenschaftliche und praktische Vorgangsweise in der Psychotherapie von einem Menschenbild ausgeht, in dem der Mensch als Person, d.h. in der Dialektik von Selbstständigkeit und Autonomie einerseits, von Beziehungsorientierung und Verantwortlichkeit andererseits, verstanden wird.

  • Es bedarf ständiger, auch empirischer Forschung, womit Psychotherapie der Überprüfung und Weiterentwicklung zugänglich gemacht wird. Die Theorie ist ständig an der Erfahrung zu überprüfen und auf Grund von Erfahrung und Forschung zu revidieren (und nicht umgekehrt).

  • Es bedarf eines eigenen, neu zu entwickelnden Wissenschafts– und Forschungsverständnisses (das die alten Paradigmata aus Medizin, Naturwissenschaft und Technik abzulösen hat) und die jeweils Betroffenen in die Erforschung miteinbezieht.

  • Praktiker, Theoretiker und Forscher sind aufgefordert, auf der Basis dieser Überzeugungen und Haltungen ("philosophy of life") eigenständige Wege zu gehen, zu experimentieren und einander zu unterstützen. Dies stellt eine weltweite psychologische, sozialen, kulturelle, politische und ethische Herausforderung dar, in der weder Orthodoxie und Fundamentalismus noch Beliebigkeit und unreflektierter Eklektizismus Platz haben.

  • Philosophische Überlegungen, die sich aus der psychotherapeutischen Praxis ergeben, sind ein wichtiger Bestandteil von Psychotherapieentwicklung.

Peter F. Schmid In: Sonneck, Gernot / Slunecko, Thomas (Hg.), Einführung in die Psychotherapie, Stuttgart (UTB für Wissenschaft - Facultas) 1999, 168–211.


Comments


bottom of page