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  • AutorenbildThomas Laggner

Erfülltes Leben: Ein kleines Modell für eine große Idee

Friedemann Schulz von Thuns einfaches Modell für ein erfülltes Leben – eine Anleitung vom Meister der Kommunikation

Gibt es auch als Hörbuch bei Audible!


Wir leben nur einmal – und was zählt wirklich in diesem Leben? Friedemann Schulz von Thun, Kommunikationspsychologe, Coach und Bestsellerautor, blickt bei dieser Frage immer wieder auch auf sein eigenes Leben zurück.

Besonders beschäftigt er sich mit Erlebnissen, die als Beispiele für sein neues Modell dienen. Wir werden dazu angeregt, unser Leben aus fünf Blickwinkeln zu betrachten, zu würdigen und womöglich zu verändern. Das große Ganze setzt sich am Ende aus

  • Wunscherfüllung

  • Sinnerfüllung

  • biografischer Erfüllung

  • Daseinserfüllung und

  • Selbsterfüllung zusammen.


Auf diese Weise können wir unsere eigene Biografie neu verstehen – wo sie gelungen ist und wo wir Enttäuschungen zu verkraften haben. Ein lebenskluges Buch, verständlich, persönlich, konkret.


Das 4+1=5-Felder-Modell des erfüllten Lebens

Was also macht ein Menschenleben zu einem »erfüllten Leben«? Mir ist klar geworden, dass Lebenserfüllung auf sehr verschiedene Weise zustande kommen kann und dass dabei sehr verschiedene Lebensqualitäten hervorgebracht werden. Mein Denkmodell sieht fünf Felder vor — angeordnet als vier Felder in einem Quadrat und einem kreisrunden Feld in der Mitte, siehe Abb. 1. Die vier Quadrate sind mit den ersten Buchstaben des griechischen Alphabets bezeichnet, der Kreis in der Mitte mit dem letzten Buchstaben. Warum griechische Buchstaben? Es hat sich so ergeben — wahrscheinlich, weil es für mich fünf »ehrwürdige« Felder sind, und ABCDE oder 12345 zu profan und buchhalterisch ausgesehen hätte.


ERFÜLLUNG VOM TYPUS ALPHA IST ›WUNSCHERFÜLLUNG‹.

Wir können von einem erfüllten Leben sprechen, wenn sich ein Teil deiner Wünsche ans Leben erfüllt hat, oder pathetischer gesagt: wenn sich deine »Träume« erfüllt haben. Sei es, dass du selbst sie dir hast erfüllen können, sei es auch, dass dir dies durch ein gnädiges Schicksal zuteilgeworden ist. Meistens muss ja beides zusammenkommen: die eigene Initiative und die förderlichen Umstände. Gleichviel, jedenfalls scheint mir

dies wenn auch nur eine, so doch wichtige Komponente eines erfüllten Lebens zu sein, dass mancher Wunschtraum in Erfüllung gegangen ist. Das klingt erst einmal banal. Wir werden aber sehen, dass dieser Quadrant es in sich hat! Denn nicht alle Seelen in deiner Brust wünschen sich dasselbe, und manche Sehnsucht ist tief in dir vergraben und will erst noch entdeckt werden. Und manche Wünsche an das Leben liegen in dir miteinander im Kampfe. ERFÜLLUNG VOM TYPUS BETA IST ›SINNERFÜLLUNG‹. Kein Mensch kann, kein Mensch will ein Leben führen, das nur der eigenen Beglückung, der Erfüllung eigener Wünsche dient. Wir wollen auch einen Beitrag leisten zum Gelingen des Ganzen, von dem wir ein Teil sind. Die heuristische Frage lautet hier nicht mehr »Welcher Herzenswunsch, welcher Lebenstraum hat sich dir erfüllt?«, sondern »Was hat sich durch dich erfüllt?«. Der Mensch braucht einen Sinn im Leben — und je deutlicher er diesen Sinn erkennt und fühlt und je besser er dementsprechend dienlich werden kann, umso mehr gelingt ihm die Erfüllung vom Typus Beta.

ERFÜLLUNG VOM TYPUS GAMMA IST ›BIOGRAFISCHE ERFÜLLUNG‹.

»Geht hinab, hinauf / unser Lebenslauf — / das ist unser Los auf Erden« — so endet die erste Strophe des »Komitats« von Hoffmann von Fallersleben, in der Vertonung von Mendelssohn Bartholdy. Sie beginnt mit »Nun zu guter Letzt / geben wir dir jetzt / auf die Wanderung das Geleite«. Es wurde zu meinem Abitur vom Schulchor gesungen und später noch mal von meinen Kolleginnen und Kollegen zu meiner Pensionierung. Dieses teils schicksalhafte, teils charakterbedingte Auf und Ab macht unser Leben — mehr oder weniger — zu einem Abenteuer, über das sich vielleicht einen Roman zu schreiben lohnt. Und in diesem Roman erlebt die Heldin,

der Held, womöglich triumphale Höhepunkte und Gipfelerlebnisse, aber gewiss auch Krisen, Niederlagen und verzweifelte Tiefpunkte. Und diese deine Biografie, mit allem, was dir in deinem Lebensdrama schicksalsschwer widerfahren ist und was du durchgemacht und erlebt hast, trägt zur Erfüllung vom Typus Gamma bei. ERFÜLLUNG VOM TYPUS DELTA IST ›DASEINSERFÜLLUNG‹. Es bedarf keiner spektakulären Ereignisse vom Typus Gamma, um ganz und gar ergriffen zu sein von dem Mysterium unseres Daseins in diesem Kosmos, auf dieser Erde! Nanu, es gibt mich in einer Welt, die es gibt!? Ich habe mich selbst und alles drum herum nicht gemacht, bin geworden als ein Geschöpf, mit einer Entstehungsgeschichte von Millionen und Abermillionen von Jahren, trage noch Bauplan-Gene in mir, die Fische entwickelt haben, bevor einige von meinen Vorfahren an Land gegangen sind! Das alles ist ziemlich unglaublich, und allein jeder Atemzug und jedes Herzklopfen ist eine Megasensation, gar nicht zu sprechen von all dem, was mich sonst ausmacht und lebendig macht mit Leib und Seele. — Ist diese Art von Erfüllung nicht ohnehin jedem garantiert? Ja und nein. Ja insofern, als jeder und jede dieses Erdendasein als Mensch erfährt, von der Geburt (und bereits davor) bis zum Tod (und womöglich danach). Nein insofern, als dieses Mysterium als unbeachtete Selbstverständlichkeit unserer Existenz ganz unbewusst im Hintergrund bleiben kann. Ganz im Vordergrund sind die Verrichtungen des Alltags mit den To-do-Listen und allen emotionalen Verwicklungen. Sobald ich aber das atemberaubende Megamysterium an mich heranlasse, womöglich noch begleitet von einem Bewusstsein der Allverbundenheit, wird dieses Gewahrsein zu einem erfüllenden Moment. Das staunende und ehrfürchtige

Innewerden dieses Mysteriums — das nenne ich Erfüllung vom Typus Delta.

ERFÜLLUNG VOM TYPUS OMEGA IST ›SELBSTERFÜLLUNG‹.

In die Mitte der vier Quadranten stelle ich mich, stelle ich dich selbst. In dem Maße, wie es dir gelingt und es die Umstände erlauben, das zu verwirklichen, was dich zutiefst ausmacht und was als Möglichkeit in dir steckt, in dem Maße erfüllt sich dein Selbst. Für diese Selbsterfüllung hat sich, von der Humanistischen Psychologie herkommend, der Begriff »Selbstverwirklichung« eingebürgert. Und vieles, was dein Leben in den vier vorgestellten Quadranten erfüllend macht, wird deinen ureigensten Stempel tragen, wird dir wesensgemäß sein. Denn es sind ja deine Träume und Sehnsüchte, die bei Alpha auf Erfüllung hoffen. Es sind deine Talente, Werte und Berufungen, die du sinnstiftend bei Beta einbringst. Es ist dein Charakter, der dir zum Schicksal wird und zum Reichtum deiner Erlebnisse in Gamma beiträgt. Und es ist deine Art und Weise, mit der Transzendenz deiner Existenz in Beziehung zu treten, religiös oder atheistisch, pantheistisch, spirituell, mystisch oder pragmatisch, rational oder ganzheitlich ergriffen. Jeder hat sein eigenes Delta und einen sehr eigenen Reim, den er sich auf das Leben macht. Im letzten Absatz habe ich so getan, als ob es eine Tatsache wäre, dass du in deiner einmaligen Eigenart und Besonderheit maßgeblich bestimmst, welche Art von Erfüllung dir in den vier Quadranten zuteilwerden kann. Dies ist aber viel mehr eine Hoffnung, ein Ideal, ein Entwicklungsziel, als dass es eine fraglose Gegebenheit wäre. Denn es scheint auch möglich zu sein, sich selbst zu verfehlen. Etwa dann, wenn die innere Wahrheit verschüttet ist und Indoktrinationen von außen maßgeblich werden, ganz oder teilweise. Umso mehr scheint es lohnend, mit dem eigenen Wesen, mit der inneren Wahrheit gute Bekanntschaft zu machen. Der etwas rührselig anmutende Song von Frank Sinatra »I Did It My Way« verweist auf die Erfüllung vom Typus Omega. Fügen wir die Ergebnisse dieses Kapitels in das Schaubild ein:

Abb. 2: Das 5-Felder-Modell eines erfüllten Lebens

So weit der erste Überblick. Vielleicht haben Sie Lust bekommen, Ihr bisheriges Leben unter diesen 4 + 1 = 5 Aspekten anzuschauen? Dann fahren Sie fort mit den nachfolgenden fünf Kapiteln. Wen habe ich als Leserin, als Leser vor Augen? Zum einen Menschen wie dich und mich, die sich nach einem erfüllten Leben sehnen und die eine

Besinnung auf diese fünf Felder interessant finden werden. Zum anderen die Entwicklungshelfer unter uns, die Beraterin, den Coach, die Seelsorgerin, den Psychotherapeuten, die Lehrerin ... alle, denen es aufgegeben ist, ihr Gegenüber auf der Suche nach dem eigenen wesensgemäßen Weg zu begleiten und ihm in manchen kritischen Momenten auf die Sprünge zu helfen.

Darf ich fragen, wie alt Sie sind, liebe Leserin, lieber Leser? Wenn Sie jung sind, haben Sie mutmaßlich noch viel vor sich und können bei der Lektüre hin und wieder den inneren Kompass einstellen und für die Frage »Was will ich vom Leben, und was will das Leben von mir?« einige Inspirationen aufnehmen und sich anverwandeln. Wenn Sie in etwa in der Lebensmitte stehen, dann mögen Sie angeregt sein, eine Zwischenbilanz in Hinblick auf die fünf Felder zu ziehen. Da hat sich schon einiges getan. Und gleichzeitig kann es spannend sein, die eben formulierte Frage für die zweite Lebenshälfte vorausschauend zu stellen. Wenn C. G. Jung recht hat, werden und sollten Sie die zweite Halbzeit nicht mit derselben (inneren) Aufstellung spielen. Und wenn Sie sich bereits dem Alter zurechnen, dann haben Sie nicht »die Stoppelfelder der Vergangenheit, sondern die vollen Scheunen der Erinnerung«, wie Viktor Frankl so schön sagt, um eine vorläufige Lebensbilanz in Hinblick auf alle fünf Felder zu ziehen. Dann geht es darum, das gelebte Leben zu würdigen. Aber nicht abschließend, denn der verbleibende Lebensabschnitt hat es noch einmal fünffach in sich! Vielleicht ist jetzt ein Feld dran, das bislang noch wenig »beackert« worden ist!? Noch zwei Dinge vorweg. Ich bemühe mich, moderat und flexibel, um eine genderbewusste Sprache. Die Gleichstellung und Gleichwertigkeit aller Menschen jenseits ihres Geschlechtes ist mir eine Selbstverständlichkeit — und ein Herzensanliegen, soweit das noch nicht überall erfüllt ist. Die dafür notwendige Bewusstseinsbildung wird auch durch die tägliche Sprache gefördert, von daher ist es ganz richtig, eine gendergerechte Sprache anzustreben. Gleichzeitig liegt mir eine verständliche und nicht umständliche Sprache am Herzen, daher nehme ich mir im Dienste einer guten Lesbarkeit die Freiheit, es je nach Kontext so oder so zu machen, ohne zwanghafte Disziplin und ohne »dem*r Leser*in« Holper-Stolper-Konstruktionen zuzumuten.

Der andere Punkt vorweg: Wenn ich als Autor Sie als Leserin und Leser anspreche (so wie jetzt), dann sind die unterschiedlichen Rollen betont, und ich werde Sie siezen. Wenn ich als selbst betroffener Mitmensch meine Mitmenschen vor Augen habe, dann ist die Gemeinsamkeit betont, und ich werde per »du« sprechen. Das habe ich mir nicht klug ausgedacht, sondern es ergab sich so beim Schreiben — und ich dachte: Vielleicht macht das ja Sinn, und jetzt lasse ich es so.

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